Warum gelingt es einigen föderalen Verbänden, Vielfalt in gemeinsame Stärke zu verwandeln, während andere an denselben Spannungen scheitern?
Wie viel Autonomie verträgt ein Verband und wie viel Gemeinsamkeit braucht er? Diese Frage stand im Zentrum des B’VM Fachgesprächs 2026. Praxisbeispiele der Krebsliga Schweiz, des LCH und des VCS zeigten, weshalb Spannungen zwischen Zentrale und dezentralen Einheiten unvermeidlich sind und was erfolgreiche Organisationen tun, damit aus diesen Spannungen Stärke statt Blockaden entstehen.
Wie föderale NPOs Einheit und Vielfalt in Einklang bringen
Föderal organisierte Nonprofit-Organisationen stehen vor einer anspruchsvollen Führungsaufgabe: Sie müssen unterschiedliche regionale, fachliche und kulturelle Realitäten unter einem gemeinsamen Dach zusammenführen. Einerseits braucht es eine gemeinsame Strategie, verbindliche Standards und abgestimmte Positionen. Andererseits leben föderale Organisationen von der Nähe ihrer regionalen oder fachlichen Einheiten zu Mitgliedern, Klientinnen und Klienten sowie weiteren Anspruchsgruppen. Die Frage lautet deshalb nicht, ob Spannungen bestehen, sondern wie sie produktiv gestaltet werden können. Genau dies war das Thema des B’VM Fachgesprächs 2026.
Zum Auftakt zeigte Dr. Michael Zurkinden, dass Spannungen zwischen Zentrale und dezentralen Einheiten kein Organisationsfehler, sondern ein Wesensmerkmal föderaler Verbände sind. Konflikte entstehen etwa bei Zuständigkeiten, Ressourcen, Identität, öffentlicher Sichtbarkeit oder dem Zugang zu Mitgliedern. Erfolgreiche Verbände zeichnen sich nicht dadurch aus, dass solche Spannungen verschwinden, sondern dadurch, dass sie bewusst gestaltet werden.
Krebsliga Schweiz: Zusammenarbeit basiert auf Vertrauen
Mirjam Lämmle, CEO der Krebsliga Schweiz, zeigte auf, wie die Zusammenarbeit zwischen der nationalen Organisation und den 18 kantonalen und regionalen Krebsligen funktioniert. Sie betonte, dass Föderalismus immer eine Balance zwischen Selbstbestimmung und Mitbestimmung verlangt. Entscheidend seien persönliche Beziehungen, transparente Kommunikation, frühzeitige Einbindung und gegenseitiges Vertrauen. Zentral sei zudem das Bewusstsein, gemeinsam Teil einer Organisation zu sein: «Wir sind die Krebsliga».
LCH: Aus vielen Perspektiven eine gemeinsame Stimme entwickeln
Dagmar Rösler, Zentralpräsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), bezeichnete den LCH als «ein föderales System im föderalen System». Unterschiedliche kantonale Realitäten erschweren häufig gemeinsame Positionen. Die Aufgabe des Dachverbands bestehe deshalb darin, zuzuhören, Brücken zu schlagen und nationale Schlagkraft zu entwickeln, ohne den Kontakt zur Basis zu verlieren. Ihre Kernbotschaft brachte sie prägnant auf den Punkt: Nicht aus 34 Mitgliederorganisationen eine einzige zu machen, sondern aus 34 Perspektiven eine gemeinsame Stimme zu entwickeln.
VCS: Das Wir-Gefühl als Grundlage
Stéphanie Penher, Geschäftsführerin des VCS, schilderte die Herausforderungen eines Verbands mit sehr unterschiedlichen Sektionen und Interessenlagen. Der gemeinsam mit B’VM durchlaufene Organisationsentwicklungsprozess zeigte, dass tragfähige Lösungen nur partizipativ entstehen. Im Zentrum stehen ein starkes Wir-Gefühl, die Nutzung von Synergien und die Bereitschaft, gemeinsame Lösungen zu erarbeiten. Zusammenarbeit sei oft anspruchsvoller als das Verfolgen des eigenen Weges, langfristig jedoch alternativlos.
Fazit
Die Beispiele der Krebsliga Schweiz, des LCH und des VCS zeigten eindrücklich: Föderale Organisationen stehen unabhängig von ihrem Zweck vor ähnlichen Herausforderungen. Erfolgreiche Verbände schaffen klare Rollen, transparente Entscheidungsprozesse, geeignete Beteiligungsgefässe und eine gemeinsame Identität. Sie versuchen nicht, Spannungen zwischen Einheit und Vielfalt aufzulösen, sondern machen diese zum Ausgangspunkt einer wirksamen Zusammenarbeit.