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Wirklich gut ist gut gemeint und gut gemacht

Max Weber unterschied vor über 100 Jahren zwei Ethikformen: Die Gesinnungsethik bewertet Handlungen nach innerer Haltung, Absicht und moralischen Prinzipien – unabhängig von Folgen. Gesinnung ist ein starker Treibstoff. Mit ihm können Überzeugte eine enorme Kraft entwickeln und Wirkung entfalten: „Wer gesinnungsethisch handelt, tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim“, wie es Weber formulierte. 

Die eher nüchterne Verantwortungsethik hingegen bewertet Handlungen nach den mehr oder weniger voraussehbaren Konsequenzen und der Verantwortung für diese Folgen. Verantwortungsethisches Handeln wägt Haupt- und Nebenwirkungen ab, auch wenn man sich bei gewissen Mitteln ‘die Hände schmutzig’ machen muss. 

Die zwei Ethikformen sind ein gedankliches Konstrukt; in einer Person sind meist beide präsent. Wer vor allem gesinnungsethisch motiviert ist, blendet Folgen nicht einfach aus, und wer verantwortungsethisch handelt, dem ist die moralische Haltung keineswegs egal. Der Unterschied liegt im Fokus: hier die Prinzipien, dort die Konsequenzen.

Warm oder kühl?

Gesinnungsethik klingt warm: aus Überzeugung engagiert das moralisch Richtige zu tun, beseelt von Gerechtigkeit. Es sind oft die sogenannten Fundis, die sich mit Herz und Vehemenz engagieren, mit dem impliziten Motto: ‘Ich handle so, weil es richtig ist’. 

Warm tönt zum Beispiel das gesinnungsethische Zitat von Vaclav Havel: «Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht». Wer möchte dem nicht spontan zustimmen? Auf individueller Ebene für kleine Welten stimmt das meistens. Doch in den grösseren, gemeinschaftlichen Welten ist das Wort ‘egal’ jedoch nicht egal, sagt die verantwortungsethische Sicht. 

Sie wirkt kühler, weil sie nach den Folgen für Budget, Zeitplan, Investoren, Stabilität oder Arbeitsplätze, etc. fragt. Sie wägt Risiken ab und geht Kompromisse ein. Dergestalt sind eher die Realos und Realas gestrickt: ‘Ich handle so, weil es gute Folgen hat’.

Gute Absicht alleine reicht meist nicht

Dass gute Absichten allein nicht genügen, zeigt sich etwa bei Organisationen, die „agiler“ werden und also Hierarchien abbauen sowie Eigenverantwortung stärken wollen. Das überzeugt gesinnungsethisch: mehr Partizipation und mehr Gestaltungsfreiheit für alle. Verantwortungsethisch gibt es indes Einwände: Umstrukturierungen und veränderte Rollen verunsichern, somit gilt es, Schattenseiten und mögliche Nebenwirkungen zu antizipieren und mit begleitenden Massnahmen abzufedern.

Vor allem in der Politik treten beide Sichtweisen oft gleichzeitig auf und können in Konflikt geraten. Ein Dauerbrenner dafür wäre etwa die Flüchtlingspolitik. Eine gesinnungsethische Position betont: „Wir nehmen Schutzsuchende auf, weil die Menschenwürde unteilbar ist.“ – auch wenn dies Integrations-, Finanz- und Kapazitätsprobleme mit sich bringt. Die verantwortungsethische Perspektive fragt nach Integrationsfähigkeit, Ressourcen und gesellschaftlicher Akzeptanz und setzt entsprechend Grenzen, auch wenn sie das Leid der Abgewiesenen sieht. Beide Perspektiven vertreten berechtigte Aspekte. 

Wenn gute Absichten kippen: Wokeismus und Ernährungsinitiative 

Die beiden Perspektiven lassen sich als komplementäre Polaritäten verstehen – was in der Praxis nicht immer geschieht. So kommt es zu Konflikten bis hin zum medienwirksamen Streit und unerwünschten Nebenwirkungen. Insbesondere entstehen Spannungen, wenn gesinnungsethische Überzeugung in missionarischen Eifer kippt – mit mitunter paradoxen Effekten. 

Ein schweizweit bekanntes Beispiel dafür ist das Canceln eines Konzertes, weil Mitglieder einer Band zur Reggae-Musik afrikanische Kleidung und Rastalocken trugen und sich einige Gäste daran störten. Die gute Absicht – “Sensibilisierung für kulturelle Aneignung” – schoss über dieses Ziel hinaus und löste breite Kritik aus. Solche Fälle zeigen, dass berechtigte Anliegen zuweilen in einer Weise vertreten wurden, dass sie mehr Abwehr als Einsicht erzeugten und damit die gewünschte Wirkung überschattete, nämlich Diskriminierungen auf den gesellschaftlichen Tisch bringen und so mindern. Ähnliches wäre auch bezüglich der Klimakleber anzumerken.

Ein aktuelles Beispiel ist die bald zur Abstimmung gelangende Ernährungsinitiative, die in grünen Kreisen zu Disputen führt und gegen die der Bauernverband bereits starkes Geschütz auffährt “Vegan-Zwang? Nein!” (siehe WOZ vom 5.2.26). Lanciert wurde sie vom Verein «Sauberes Wasser für alle», der bereits hinter der Trinkwasserinitiative stand (siehe dazu XYZ). Die Initiant:innen bringen sehr berechtigte Anliegen aufs Tapet: Mehr pflanzliche Ernährung, ökologischere Landwirtschaft, höherer Selbstversorgungsgrad. Doch in der Nationalratsdebatte im Dezember 2025 plädierten nicht einmal die grünen Parlamentarier:innen für ein Ja, wie die WOZ schreibt. “Die Initiative schade mehr, als sie nütze”, meint etwa Kilian Baumann, grüner Berner Nationalrat und Präsident der Kleinbauern-Vereinigung. Und Franziska Ryser, grüne Nationalrätin und Mitglied der Wirtschaftskommission, sagt: «Die Initiative ist gut gemeint, aber nicht gut gemacht. (…)”. Das lässt den Eindruck entstehen, als habe bei der Formulierung der Initiative die verantwortungsethische Sicht weitgehend gefehlt, die zum Beispiel fragen würde, welche existenziellen Folgen sich für Betroffene bei Annahme der Initiative ergeben (und welche Widerstände daraus) sowie Verbündete zu fragen, was sie von einer solchen Verfassungsänderung halten. Das sei jedoch laut WOZ nicht oder kaum geschehen.

 

Miteinander verweben

Das eine müsste das andere nicht ausschliessen. Verantwortungsethik bedeutet im Kern, mögliche Nebenwirkungen mitzudenken und auch Resultate in Betracht zu ziehen, die der Gesinnung entgegenlaufen, aber real werden könnten. 

Ich denke gar, das eine brauche das andere: Gesellschaftliche Wirkung entfaltet sich vor allem dann, wenn das Herz der Gesinnung mit dem kühlen Kopf der Verantwortung zusammenspannt. Gesinnungsethik erinnert uns: „Handle so, dass du dahinter stehen kannst.“ Verantwortungsethik ergänzt: “Handle so, dass die Folgen tragbar sind”. Gerade in einer immer komplexeren Welt ist dieses Zusammenspiel besonders wichtig. Sonst verpufft Kraft, oder eine Bewegung wird durch Spannungen gelähmt.

Die lernende Haltung dazu könnte lauten: Unsere Absicht ist gut – die Wirkung noch nicht so wie gewünscht. Also justieren wir nach. 

Das hiesse: sich an Werten und Purpose als Leitschnur orientieren, nicht als Scheuklappe, und gleichzeitig mögliche schädliche Folgen stärker antizipieren. Wenn sich beide Ethikformen ergänzen statt bekämpfen, wird es für Organisationen fruchtbar: Es entsteht gewünschte Wirkung mit Haltung. 
Anders gesagt: Wir brauchen die klare innere Haltung, um in Krisen nicht beliebig zu werden und bei Gegenwind nicht einzuknicken. Und wir brauchen die verantwortliche Abwägung, um in komplexen Situationen nicht naiv zu handeln und (zu) grossen Schaden anzurichten. Das hiesse: So handeln, dass man uns guten Willen zugesteht und verantwortliche Wirkung zutraut – gesinnungsethisch „gemeint“, verantwortungsethisch „gemacht“.

Illustratives Beispiel: Ärztliche Entscheidung 

Eine Ärztin muss entscheiden, ob sie einem schwerkranken Patienten ein Medikament verschreibt, das noch nicht umfassend erprobt ist, aber Hoffnung auf Heilung bietet. Gleichzeitig besteht das Risiko schwerer Nebenwirkungen.

Gesinnungsethisch: Sie handelt aus dem Ideal heraus, Leben zu retten und Leid zu mindern, und entscheidet sich, das Medikament für die Behandlung vorzuschlagen. 

Verantwortungsethisch: Sie wägt Risiken sorgfältig ab. Schätzt sie diese als zu hoch ein, schlägt sie dem Patienten vor, das Medikament nicht zu nehmen.

Fazit: Auch wenn es hier nur ein Entweder-Oder gibt, ist es hilfreich, beide Perspektiven zu beachten: Entweder könnte man eng begleiten, um Nebenwirkungen früh zu erkennen oder teilt die Verantwortung.

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