{"id":7822,"date":"2025-04-28T07:17:29","date_gmt":"2025-04-28T07:17:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bvmberatung.net\/?p=7822"},"modified":"2025-04-28T06:53:58","modified_gmt":"2025-04-28T06:53:58","slug":"nudge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bvmberatung.net\/fr\/nudge\/","title":{"rendered":"Nudge the System: Kleine Intervention, grosse Wirkung"},"content":{"rendered":"<p>Unter \u2018Nudging\u2019 wird jener kleine Schubser verstanden, wegen dem du dein Verhalten \u00e4nderst ohne es zu merken. Die bekannteste Art des Nudgings ist die Umkehrung des Sprichworts \u00abAus dem Auge, aus dem Sinn\u00bb: Was dir ins Auge ger\u00fcckt wird, kommt dir in den Sinn und du k\u00f6nntest es somit wollen. Wie etwa der Schokoriegel an der Supermarktkasse. Oder bei der Google-Suche oder auf Youtube: Da tauchen rechterhand Vorschl\u00e4ge in deinem Gesichtsfeld auf und mit einem Klick bist du an einem Ort, wohin du zuvor noch nicht hin wolltest.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Ins-Auge-r\u00fccken-Nudging nutzen beispielsweise auch gesundheitsbewusste Schulkantinen, die statt Schokolade Obst an der Kasse anbieten: eine unmerkliche Intervention mit markant gesundheitsf\u00f6rdernder Wirkung. \u00c4hnlich gelagert ist ein anderer Fall: In einem Warenhaus, in dem Lift und Treppe nebeneinander liegen, benutzen etwa 80% der Kundschaft den Lift f\u00fcr den Weg nach oben. Malt man nun auf den Boden vor dem Aufgang einen roten Streifen zur Treppe hin, benutzen fast 70% die Treppe. Der Streifen wirkt quasi als unbemerkter Leit-Faden.<\/p>\n\n\n\n<p>Trendsetter im Bereich des beh\u00f6rdlichen Schubsens war die britische Regierung, die sich 2010 unter David Cameron eine <a href=\"https:\/\/www.instituteforgovernment.org.uk\/article\/explainer\/nudge-unit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nudge Unit<\/a> zugelegt hat. Dieser Abteilung ist es beispielsweise gelungen, mit zwei S\u00e4tzen am Anfang des Standard-Mahnbriefs an s\u00e4umige Steuerzahler, die Steuereink\u00fcnfte massiv zu erh\u00f6hen. Die S\u00e4tze lauteten: \u00abNeun von zehn B\u00fcrger\/innen zahlen ihre Steuern rechtzeitig. Im Moment geh\u00f6ren Sie zu einer kleinen Minderheit, die noch nicht bezahlt hat\u00bb. Diese zweite Art des Nudgings nutzt die sozialpsychologische Erkenntnis, dass die wenigsten Menschen verhaltensauff\u00e4llig sein wollen und sich deshalb der wirklichen oder angenommenen Norm anpassen (aus <em>psychologie heute<\/em>, 8\/2015)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tr\u00e4gheit und Gewohnheit \u2013 gut f\u00fcrs Nudgen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Neben diesen beiden Arten &#8211; <em>Ins-Auge-r\u00fccken<\/em> und <em>Sich-nach-der-Norm-richten<\/em> &#8211; ist das Gesetz der Tr\u00e4gheit die dritte Art des Nudgings. Es besagt, dass die meisten Menschen in den meisten F\u00e4llen den bequemsten Weg nehmen und\/oder ihrer Gewohnheit folgen. Dieser Nudging-Bereich wird von Firmen seit langem (z.B. mit Markenbindung) und seit kurzem auch von Amtsstellen genutzt. Zwei Beispiele beh\u00f6rdlicher Massnahmen mit Massenwirkung:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>In einer britischen Region, in der traditionell viel stark gesalzene \u00abFish and Chips\u00bb gegessen werden, war der (infolgedessen) weit verbreitete Bluthochdruck zu einem medizinischen Problem geworden. Der Versuch, die Leute mit Mahnungen zu einem geringeren Salzkonsum zu bringen, blieb fruchtlos. Gen\u00fctzt hat dagegen, die \u00fcblichen Salzstreuer mit 17 grossen L\u00f6chern durch solche mit weniger und kleineren L\u00f6chern zu ersetzen. Denn massgebend war die feste Gewohnheit, den Salzstreuer jeweils dreimal zu bet\u00e4tigen. Und diese war resistent gegen Appelle.&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>In \u00d6sterreich haben \u00fcber 99% der Bev\u00f6lkerung einen Organspendeausweis, in Deutschland hingegen nur 40%. In beiden L\u00e4ndern kann man frei w\u00e4hlen, ob man seine Organe nach dem klinischen Tod spenden will oder nicht. Der Unterschied ist, dass als beh\u00f6rdlicher Standard in \u00d6sterreich jede\/r Organspender:in ist, solange er sich nicht aktiv abmeldet. In Deutschland ist es umgekehrt: Man wird nur Spender:in, wenn man sich dazu anmeldet.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Ob Gewohnheit oder Bequemlichkeit, was eingerichtet ist, wird getan bzw. benutzt. Grossmeisterin dieses Nudgings ist Google. Ihr Gesch\u00e4ftsmodell ist sozusagen das Kombi von Bequemlichkeits- und In-die-Sicht-r\u00fccken-Nudging: Alle googeln, weil so bequem. Und klicken ab und zu auf die Werbung, die ins Gesichtsfeld ger\u00fcckt wurde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nudging f\u00fcr \u00d6kologie und Change<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nudging-Massnahmen k\u00f6nnten Konsummuster deshalb massenhaft \u00e4ndern, weil sie an der Grenze der Wahrnehmung und damit unterhalb der Trotz-Schwelle liegen. Ganz im Gegensatz zu den konventionellen \u00d6ko-Appellen zu Verhaltens\u00e4nderung. Diesen folgt nur, wer schon \u00fcberzeugt ist und also eine niedrige \u00f6kologische Tr\u00e4gheit hat. Der Rest trotzt. Nichtdestotrotz meinen Umweltorganisationen, mit Informationskampagnen, \u00d6ko-Fussabdruck-Plattformen und Plakaten k\u00f6nnten Massen bewegt werden. Mit eher m\u00e4ssigem denn massenhaftem Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls und erstaunlicherweise finden sich im Umweltbereich kaum Nudging-Ans\u00e4tze. Bekannt ist zwar etwa der nudgende Hinweis in Hotels, dass die Mehrheit der G\u00e4ste ihre Badet\u00fccher mehrfach benutzen. Das stiftet manche an, das ebenso zu tun \u2013 was Tonnen Waschmittel einspart. Und ein Experiment zeigt das Potenzial: \u00abIn einem Experiment begannen Hauseigent\u00fcmer messbar weniger Strom zu verbrauchen, als man sie darauf hinwies, dass ihre Nachbarn bereits zu den Energiesparerenden geh\u00f6rten. Gab man andere Gr\u00fcnde wie Umweltschutz, Kosteneinsparung oder Sorge f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Generationen an, war der Effekt deutlich weniger ausschlaggebend\u00bb (aus <em>psychologie heute 8\/2015<\/em>).<\/p>\n\n\n\n<p>Und will man eine Organisation ver\u00e4ndern, soll man am besten das System nudgen, wie es eine Kollegin und Expertin in Leadership aufstrebenden F\u00fchrungskr\u00e4ften riet. In\u00a0grosse \u00c4nderungen wie etwa Organisationsentwicklungen werde oft viel Energie f\u00fcr wenig nachhaltige Ver\u00e4nderung gesteckt.\u00a0 In der Regel sei es besser, kleine Schritte zu tun, die man kaum merke, doch in eine Richtung gehen. G\u00fcnstige Momente erkennen und kleine \u00c4nderungen einf\u00fchren, sei oft erfolgreicher als grosse Konzepte.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Das w\u00e4re ganz nach dem \u00abElefant-Reiter-Weg\u00bb-Modell. Entwickelt haben dieses Chip und Dan Heath aus der Analyse von 50 F\u00e4llen realer \u00c4nderungen vom Haushalt \u00fcber Organisationen und Gemeinden bis hin zu L\u00e4ndern. Das Modell besagt, dass der Elefant \u2013 Symbol f\u00fcr die menschliche Tr\u00e4gheit als Gewohnheitstier &#8211; nur dann eine neue Gewohnheit annimmt, wenn der Weg dazu nudgingartig in kleine Schritte zerlegt wird und der Weg dem Elefanten als machbar erscheint. Auch wenn der Reiter (die Kognition) ihm zuruft, endlich zu springen. Das macht er nicht. Doch gelingt der erste kleine Schritt, wird ein zweites Schrittchen und ein drittes wahrscheinlicher folgen. Siehe: &#8222;SWITCH \u2013 old habits die hard&#8220;, Chip &amp; Dan Heath, auf deutsch 2011.<\/p>\n\n\n\n<p>PS: Eine seit Menschen Gedenken bekannte Art des Nudgings ist der Charme: Wieviel eher leistet man einem freundlichen Hinweis Folge als einem harschen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter \u2018Nudging\u2019 wird jener kleine Schubser verstanden, wegen dem du dein Verhalten \u00e4nderst ohne es zu merken. 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