{"id":5616,"date":"2023-12-14T07:32:36","date_gmt":"2023-12-14T07:32:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bvmberatung.net\/?p=5616"},"modified":"2023-12-20T10:21:39","modified_gmt":"2023-12-20T10:21:39","slug":"schirm-herrschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bvmberatung.net\/fr\/schirm-herrschaft\/","title":{"rendered":"Die neue Schirm-Herrschaft: Gastautor Kuno Roth \u00fcber Medien, die uns konsumieren."},"content":{"rendered":"<p><em>Die B\u2019VM freut sich, mit Kuno Roth einen ersten Gastblogger zu begr\u00fcssen. Er teilt seine Erfahrungen im Bereich des organisationalen Lernens mit Ihnen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Das war einmal<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Laut Statistik verbrachte im Jahr 2007 ein durchschnittliches Kind in der Schweiz pro Tag zwei Stunden vor dem Fernseher und zwanzig Minuten mit seinem Vater. Und man fragte sich damals, ob so viel TV-Konsum nicht ungesund sei. Auf der einen Seite vertrat die Vereinigung der Kinder\u00e4rztinnen und -\u00e4rzte den Standpunkt, dass mehr als eine Stunde TV pro Tag asoziales Verhalten f\u00f6rdere, und forderte deshalb, Kinder unter vier Jahren seien vom Fernsehen fern zu halten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der anderen Seite gaben die Fernseh-Anstalten jeweils Entwarnung: Verschiedene Studien h\u00e4tten gezeigt, dass kein urs\u00e4chlicher Zusammenhang nachzuweisen sei; allerdings brauche es f\u00fcr Gewissheit noch Langzeitstudien.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie auch immer, bereits bevor die Smartphones ab 2008 die M\u00e4rkte zu erobern begannen, fragten sich die einen, wie viel Bildschirm der Mensch eigentlich ertrage; beziehungsweise ab welcher Dosis er sich wohl ab-schirme. Oder ob, wie andere meinten, der sich abzeichnende Wettbewerb unter den Schirmen es schon richten werde und Sorgen also unn\u00f6tig seien. Wie dem auch sei, letztere hatten zumindest die Zeichen einer zunehmenden Vielfalt von Schirmen richtig erkannt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und das ist heute<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Neben Fernseher und Computer haben \u00fcberm\u00e4chtige Mitbuhler ihre Schirme aufgespannt. Sowohl im eigenen Umfeld als Smartphone, Tablet, Wandbildschirm und Laptop im Home-Office als auch unterwegs als Fahrplananzeige im Bahnhof, Videowerbung am Schalter oder als News im Postauto. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis Bildschirme auch die letzten schirmfreien Winkel wie Kirchen, Toiletten, Wanderwegweiser und Fahrst\u00fchle erobert haben werden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weshalb gibt es diesen Drang zum Checken?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls, so die Autorin Anna Miller im BUND (27. Februar 2023), verbringe der westliche Mensch 40% der Wachzeit mit einem Bildschirm. Ihrer Forschung gem\u00e4ss, checkt ein:e Jugendliche:r durchschnittlich 150 Mal pro Tag, ob etwas Smartes aufs Phone gekommen sei. Im Schnitt.<br>Ph\u00e4nomenal ist auch eine Zahl aus den USA: Gem\u00e4ss dem britischen Journalisten Johan Hari ber\u00fchrt ein:e Durchschnittsb\u00fcrger:in ihr\/sein Smartphone 2017 mal pro Tag. Das schreibt er in seinem Buch \u00abAbgelenkt\u00bb (und \u00abapp-gelenkt\u00bb m\u00f6chte man anf\u00fcgen), in dem er Wege aufzeigt, wie wir mit Ruhe die Konzentration zur\u00fcckgewinnen k\u00f6nnen. Doch weshalb gibt es diesen Drang zum Checken? \u00abDie Angst etwas zu verpassen, zeichnet viele Menschen im Zeitalter der Digitalisierung aus\u00bb, sagt dazu der Psychologe Johannes Hepp: Sie f\u00fchre \u00ab\u2026 direkt in das Burn-out aufgrund pathologischer Erfahrungsgier\u00bb (Psychologie Heute, 04\/2023).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jeder Klacks ist mit ein paar Klicks zu finden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und verpassen k\u00f6nnte man zunehmend viel \u2013 so stellt, wer etwas anstellt, das heute auf Youtube, weil sich dort neben TikTok die Jugend, der k\u00fcnftige Markt, herumtreibt. Ob gefilmte Gebrauchsanweisung, Konzertaufnahme, Rezept, Kleider- oder Schminktipp oder ob Erkl\u00e4rvideos dar\u00fcber, warum die Erde eine Scheibe ist (und noch h\u00e4ufiger, warum sie rund ist), was die Relativit\u00e4tstheorie bedeutet oder wie die Klimaerw\u00e4rmung oder -anlage funktioniert, jeder Klacks ist mit ein paar Klicks zu finden.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Schon stellen sich einige vor, dass Lehrer und Dozentinnen bald teilweise eingespart werden k\u00f6nnten: Eine Sequenz einmal unterrichten, filmen und auf Youtube stellen: Das reicht f\u00fcr die folgenden Jahre; abgesehen von gelegentlichen Updates.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es scheint, als ob wir Zeugen einer neuen Art Schirm-Herrschaft werden, unter welcher wir die Metamorphose von Kindern und Jugendlichen zu Schirmlingen mitverfolgen k\u00f6nnen. Ohne Zweifel wird es zwar bald Studien geben, die belegen werden, dass zu viel Schirm dem Charme der Heranwachsenden schade. Doch diesen werden mit Sicherheit Gegenstudien der Bildschirmdealer auf dem Fuss folgen, die nachweisen, dass noch nichts gesichert nachgewiesen werden k\u00f6nne, und man also noch auf Langzeitstudien warten m\u00fcsse.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zwang und Drang zur digitalen Transformation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und was haben die Organisationen der Zivilgesellschaft auf ihrem Schirm? Hell erleuchtet zuoberst den Zwang und Drang zur digitalen Transformation: Er ist unausweichlich und also ist es ein Muss f\u00fcr alle NGOs Fundraising, Partizipation und Campaigning zu onlineisieren. Sie sind denn auch wacker digital unterwegs.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Radar gefallen scheint den meisten indes, das zur Nische geschrumpfte Angebot an Prim\u00e4rerfahrung, das heisst, jungen Menschen in Wald, Wiese und Wasser reale Erlebnisse zu erm\u00f6glichen. Vielleicht weil die Zeit dazu fehlt, denn Digitalisierung besch\u00e4ftigt dauerhaft. Big Tech gibt uns viel zum Spielen. Man hat immer mehr M\u00f6glichkeiten noch mehr zu machen, der Chat GPT l\u00e4sst gr\u00fcssen. Doch wom\u00f6glich legen Pfadi, Sportvereine und Jugendgruppen bereits oder bald an Mitgliedern zu \u2013 w\u00e4re jedenfalls ein formidables Detox-Programm.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Hors-sol-Leben wird zwar am Ende des Tages der Digitalisierung nur wenige gl\u00fccklich gemacht haben. Zu bef\u00fcrchten ist allerdings, dass die Mehrheit nicht mehr in der Lage sein wird, sich selbst zu \u00abdetoxen\u00bb.<br>Und was wird auf den Grabschirmen der digital Aufgewachsenen stehen? \u00abHier ruht real, endlich konzentriert und in Frieden \u2026\u00bb.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<p><em>Diese Artikel von Kuno Roth sind bereits im B&#8217;VM Blog erschienen:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.bvmberatung.net\/fr\/lernen_von_seinesgleichen-2\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">&#8222;Lernen von Seinesgleichen&#8220;<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.bvmberatung.net\/fr\/lernerfolg\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>\u201eLernerfolg und -transfer: Wie messen?\u201c<\/em><\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.bvmberatung.net\/fr\/kultur-isst-strategie\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.bvmberatung.net\/kultur-isst-strategie\/\">&#8222;Kultur isst Strategie zum Fr\u00fchst\u00fcck&#8220;<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.bvmberatung.net\/fr\/entlernen\/\">&#8222;Entlernen &#8211; zwar einfach, aber nicht leicht&#8220;<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.bvmberatung.net\/fr\/paradox\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.bvmberatung.net\/paradox\/\">&#8222;Purpose Paradox: Selber nicht tun, was man predigt.&#8220;<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kuno Roth schreibt in diesem Artikel \u00fcber Medien, die uns konsumieren. 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