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Das Problem mit der Fixierung aufs Problem 

Das Sein bestimmt das Bewusstsein – und vor allem auch das Verhalten. So teilen sich in akademischem Umfeld aufgewachsene Grüne anders mit als bäuerlich geprägte, auch wenn sie politisch die gleiche Haltung vertreten. Wer als Kind keine eigene Meinung haben durfte, wird auch als Erwachsene eher Schwierigkeiten haben, seine Meinung zu äussern.  

Jedes Milieu prägt mit seinen Selbstverständlichkeiten und Normen die Verhaltens- und Denkweisen der darin Aufgewachsenen. Über den eigenen Sozialisierungsschatten zu springen und sein Sein zu ändern ist ein (Ent-)Lernprozess in dem sich das Bewusstsein mitbewegt. Das Sein ist die Türe zum Bewusstsein, nicht umgekehrt. 

Will man Denk- und Verhaltensweisen beeinflussen, müsste also beim Sein der Anzusprechenden angesetzt werden. Doch NGOs wie auch Bewegungen zäumen das Pferd, das sie für die Transformation satteln wollen, meist von hinten auf und scheitern vielleicht deshalb öfter als erhofft in ihrer Absicht, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern. Denn indem sie ein Problem thematisieren, setzen sie beim Bewusstsein an, weil sie meinen, der folgende Dreischritt funktioniere: Über das aufgegriffene Problem informieren führe zu Bewusstsein und dies wiederum zu einer Verhaltensänderung. Und so wird versucht, mit Informationen aufzuklären. Über Regenwaldabholzung, Meeresverschmutzung, Klimawandel, Fracking, Palmölproduktion, Plastikmeer, Fleischkonsum, Pestizide im Boden, Ausbeutung. Doch solche Art Aufklärung wärmt nicht auf, sondern kühlt nicht schon Überzeugte eher ab: Wiederholung hat in diesem Fall keine oder gar eine gegenteilige Wirkung auf das Sein der Angesprochenen (mehr dazu: «Mein Tipp, kein Tipp») 

Auf brennende Probleme aufmerksam zu machen und dadurch auf deren Milderung oder gar Behebung zu hoffen, ist natürlich verständlich. Denn es entspricht unseren Alltagserfahrungen: Es gibt ein Problem, man benennt es – der Wasserhahn tropft, das Velo hat einen Platten, das Handy keinen Strom – und es wird mit einem einfachen Handgriff behoben. Dieser Ansatz ‘analyze the problem and fix it‘ gelingt bei einfachen Alltagsproblemen; er eignet sich jedoch bei zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Problemen wegen ihrer Komplexität nicht. Deshalb braucht es in den NGOs, so mein Vorschlag, einen Mindset-Shift hin zur Lösungsorientierung. 

Übers Sein zum Bewusstsein 

Um beim Sein mit Lösungsorientierung anzusetzen ist gewissermassen ein Kopfstand nötig. Ein Beispiel zur Illustration, wie der aussehen könnte:  

Eine NGO bekam von einem vietnamesischen Ministerium den Auftrag, eine in einer Region in Vietnam weit verbreitete Krankheit unter Kindern zu untersuchen und zu beheben. Die Mitarbeitenden der NGO wendeten eine andere Strategie als die übliche «anlayse the problem and fix it» an, indem sie nämlich zunächst der Frage nachgingen, was die zwar wenigen aber doch vorhandenen Familien mit gesunden Kindern anders machen als jene mit kranken. Sie konzentrierten sich auf das offenbar bereits vorhandene gute Verhalten und fanden heraus, dass die gesunden Kinder vier statt nur zwei Mal am Tag essen, zwar die gleiche Menge, aber in kleineren verträglichen Portionen und dass diese protein- und vitaminhaltige Garnelen und Süsskartoffelgrün enthalten.  

Um das ‘Lösungsverhalten’ zu vermitteln, luden die NGO-Leute die Mütter der gesunden Kindern ein, den Müttern mit den kranken zu zeigen, was und wie sie kochen. Nach dem Prinzip des peer learnings, also «was Meinesgleichen tut, ist auch für mich möglich», nahmen die Mütter der kranken Kinder die nötige Verhaltensänderung grossteils an. Sechs Monate später waren 65% der zuvor kranken Kinder im Dorf wieder gesund und das Problem weitgehend gelöst (aus: «Switch», Chip and Dan Heath, 2011 – mehr dazu siehe hier). 

Bekannt ist eine diese Verschiebung des Fokusses auch aus der Psychologie, die lange Zeit primär defizitorientiert war. Das heisst, man versuchte nach Eintreten des Seelenschadens die Symptome zu mildern. Ohne nachhaltigen Erfolg; ausser dass der Umsatz an Psychopharmaka zunahm. Mit diesem Reparaturansatz kümmerten sich auch Heerscharen von Psychiatern um das Problem der posttraumatischen Schäden von US-Kriegsveteranen, ohne den aus Vietnam, Afghanistan und Irak Traumatisierten wirklich helfen zu können. Es war in den Nuller-Jahren als Martin Seligman sich sagte: Wenn 15% der Veteranen Posttrauma-Symptome zeigen, heisst das, dass 85% keine haben. Er fragte sich, was man von diesen 85% lernen kann für die Trauma-Prävention und begründete aus diesem Perspektivenwechsel die «Positive Psychologie»  (aus: ‚Tomorrowmind‘, Kellermann und Seligman, 2023, S. 47ff).  

Hinweis: Während sich die Positive Psychologie auf positive Emotionen und Resilienz konzentriert und sich als Wissenschaft versteht, befasst sich die Mitte letzten Jahrhunderts entstandene humanistische Psychologie mit dem Streben nach persönlichem Wachstum. Beide Ansätze verfolgen das Ziel, Wohlbefinden und Lebensqualität zu verbessern. So hat auch Abraham Maslow, einer ihrer Begründer, die Frage «Was macht den Menschen krank» umgedreht und vielmehr gefragt: Was macht ihn gesund?  

Jede Lösung braucht ein Problem 

Lösungsorientierung heisst nicht, das Problem zu ignorieren, nur wird der Fokus auf die Lösung gelegt. Chip und Dan Heath nennen diesen Ansatz «Look for the bright spots and clone them». Er ist der systemischen Therapie ähnlich, in der vorhandene Ressourcen, also zeitweise bereits gezeigtes gesundes Verhalten, gestärkt wird, damit es häufiger auftritt und so das Problem sozusagen verdrängt. Was individuell in der Therapie wie auch im Coaching gelingt, könnte kollektiv gedacht werden: Gute Praxis – besagte bright spots – erzeugen, stärken und verbreiten, so dass sie Überhand nimmt (mehr dazu: «vom Vom zum Zum»). Diese hellen Flecken gibt es schon. Verkehrsfreie Städte, 2000-Watt-Siedlungen, Bio-Landwirtschaft, Friedensdörfer. Zu tausenden. Überall. Diese kleinen Feuer müssten bloss zum Flächenbrand anwachsen.  

Wie den Flächenbrand anfachen?  

Wenn er politisch noch nicht ganz gelingen will: 

  • Grundlegend: Beim Sein anzusetzen bedeutet zu allererst den aufwachsenden Menschen ein Umfeld bieten, das Nachhaltigkeit als selbstverständlich erleben lässt, also Siedlungen mit mehr Spiel- als Parkplätzen, mit Heizungen ohne Öl und natürlich Schulen, die Zukunftsorte sind [1].  
  • Sodann: In den Siedlungen und Städten ansetzen, wie das zum Beispiel die Transition-Town-Bewegung tut, die mit über 1000 Transition Groups auf drei Kontinenten schon etwas flächenbrennt. Mit dem so genannten Sundial-Konzept setzt diese Bewegung beim Sein an und kreiert durch Imagination gute Praxis. Das Konzept beruht auf vier Pfeilern: ‚Orte‘ (1) für Begegnung‘, Praktiken‘ (2), die verbinden (und das eigene bisherige Sein verändern), ‚Räume‘ (3) für Imagination sowie ‚Pakte‘ (4) für das Zusammenarbeiten – bei der die Akteure Selbstwirksamkeit erleben, die beflügelt. Dabei ist mit Vorstellungskraft die Fähigkeit des «als ob» Denkens gemeint: Dinge also so sehen können, als ob sie anders wären und damit entstehen können. Eine zentrale Fähigkeit, um Krisen einigermassen ungeschoren zu überstehen.  
  • Weitere Ansätze wären etwa gesellschaftliche Normen zu ändern versuchen, relevante Akteure mit kleinen weisen Interventionen zu schubsen oder soziale Innovation mit Erfahrungsaustausch fördern (siehe Beispiel aus dem Berggebiet). 

Soll es zum vom Weltklimarat IPCC [2] geforderten ‘Flächenbrand’ kommen, nämlich zu «weitreichenden und beispiellosen Veränderungen in allen Aspekten der Gesellschaft», gilt es, Vorstellungskraft und gute Praxis in allen Millieus zu fördern und dafür beim Sein ansetzen und nicht Bewusstsein impfen wollen. Bewusstsein entwickelt sich mit dem sich ändernden Sein. 

PS: Diese Lösungsorientierung ist für die Neurologie-Professorin Maren Urner der Königsweg aus der Klimakrise, weniger schlechte Nachrichten, mehr gute ist ihr Credo: Siehe dazu diesen Post mit dem Hinweis auf das kürzliche Interview mit ihr im “Echo der Zeit”. 

Quellen: 

[1] gute Beispiele dafür sind die «Happy Schools» (von Bhutan inspirierte holistische Nachhaltigkeit) und die «Schools for Earth». Mehr dazu im Artikel «Klima der Hoffnung», Zeitschrift ‘Weiterbildung’, 3/2023 

[2] Siehe den Synthesebericht des IPCC vom Juli 2023 

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