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Oft ist ein Rad schon erfunden – Knowhow-Transfer 2/2

Der erste Teil dieser Kolumne handelte davon, wie das Wissen und Können einer Person mit Knowhow in der Organisation erhalten bleiben kann, wenn sie die Organisation verlässt (siehe Knowhow-Transfer 1/2). Das ist ein häufiger, indes nicht der einzige Fall, bei dem sich die Frage stellt, wie man Knowhow von einer Person zu einer anderen transferiert. 

Ein typischer solcher Fall ist etwa, wenn ein bereits aufgebautes Knowhow von einer Ecke der Organisation in eine andere übertragen werden soll, um zu vermeiden, dass ein erfundenes Rad nochmals erfunden wird. Ein weiterer Fall ist, wenn eine gelingende Alltagspraxis einer Gruppe auf eine andere übertragen und so verbreitet werden soll. Wie das geschehen kann, sei an zwei Beispielen illustriert:

1. Beispiel: Das japanische Büro von «Red Liberty» (Name von der Redaktion geändert) möchte ein Grossspender-Programm aufbauen. Die zuständige Person in Japan fragte sich zuallererst, wo es in der Organisation ein solches Programm bereits gibt. Fündig wurde sie bei «Red Liberty» Grossbritannien, das seit vielen Jahren ein erfolgreiches Major Donor Programm betreibt. Knowhow-Trägerin ist die altgediente Fundraiserin Paula. Sie ist bereit, ihr Knowhow an ihre japanische Kollegin Hisayo weiterzugeben, damit diese in Japan ein ähnliches Programm aufbauen kann. Hisayo geht dafür für drei Wochen nach London und schaut Paula während dieser Zeit über die Schultern und assistiert ihr. Paula arbeitet wie gewohnt, arrangiert nur einige Lerngelegenheiten im voraus. Sie investiert unter dem Strich kaum extra Zeit, denn sie bekommt mit Hisayo eine professionelle Fundraiserin als «Assistentin» zur Seite. Diese erlernt das spezifische Knowhow wie in einem kurzen, gezielten Praktikum: In 3 Wochen mit 6’000 Franken Kosten für Reise und Unterkunft. Und seit nun das Programm in Japan läuft, war diese Investition bald und um das zig-Fache wieder eingespielt. 

Shadowing – die Methode der Wahl

Die angewandte Methode heisst ‘Shadowing’ (genauer gesagt war es ein ‘Shadowing plus’), dessen Grundprinzip ist, dass die Knowhow-Trägerin ‘ganz normal arbeitet’ und der/die Knowhow-Suchende ihr dabei wie ein Schatten folgt und ihr zudient: Learning-by-observing-and-assisting. And by reflecting: Am Ende des Arbeitstages wird über die erlebte Praxis ausgetauscht. So einfach die Methode ist, so wichtig ist eine gute Vorbereitung und ein Follow-up (Tools dafür im Kasten), z.B. muss festgelegt werden, welche Teile des Knowhows mit Shadowing transferiert werden sollen, wie Möglichkeiten für Einüben geschaffen werden können und welchen Support es fürs Follow-up braucht. Es ist eine Art Transfer-Praktikum, das auch viel Mehrwert für die Mentorin enthält, indem sie z.B. Würdigung für ihr Können erfährt und eingefahrene Routinen durch das Nachfragen der Mentee erkennen und reflektieren kann. Oder diese kennt etwas Neues, was der Routinierin entgangen war und so nebenbei kennenlernt. 

Ganz ohne Zeitinvestition seitens der Mentorin geht es allerdings nicht, namentlich für die kulturelle Anpassung und den reflektiven Austausch. Es ist eine Lernzeit für beide. 
Nützlich ist übrigens auch das Umgekehrte – das Mirroring: Der Neuling probiert das Gelernte aus, die Könnerin beobachtet ihn dabei und gibt Feedback

Mirroring – die Mentorin beobachtet die Mentee bei der neuen Praxis (Foto: Frutesol)
 

Aus der Praxis für die Praxis an einem anderen Ort

2. Beispiel: Die nicaraguanischen Solarfrauen haben während 15 Jahren ein umfangreiches Knowhow in Solarkocher, Solardörrer, solare Trinkwasseraufbereitung sowie im biologischen Gartenbau aufgebaut. Weil ihre Praxis funktioniert und ihnen viel Genugtuung und Perspektive gibt, bieten sie nun an, ihr Wissen und Können an andere (Frauen-) Gruppen weiterzugeben. Sie erhalten unter anderem eine Anfrage von fünf Frauengruppen aus Guatemala. Und der Transfer geschah wie folgt:

  • Die Gruppen in Guatemala wurden vorab schriftlich darüber informiert, welche Arten von Knowhow sie erwerben können. Einiges aus dem Angebot passte, und sie entsandten je zwei Multiplikatorinnen nach Nicaragua.
  • Im Lernzentrum der Solarfrauen wurden die zehn Guatemaltekinnen während einer Woche in die Praxis aller Techniken eingeführt. Sie bekamen so einen konkreten Zugang zu jeder Technik, um entscheiden zu können, welche davon sie später zuhause umsetzen wollen. 
  • Ein paar Monate nach dem Einführungskurs reisten drei nicaraguanische Knowhow-Trägerinnen nach Guatemala und unterstützten die Guatemaltekinnen in ihren jeweiligen ersten Umsetzungen. 
  • Sie führten zudem mit Mitgliedern von drei der fünf Gruppen zu den von ihnen gewählten Techniken Kurse durch, bei welchen ihnen die ausgebildeten Multiplikatorinnen assistierten und so die Praxis des Weitergebens lernten. 
  • Diese Multiplikatorinnen fühlten sich danach bereit, die ausgewählte(n) Technik(en) nun selber weiterzugeben und erste Projekte umzusetzen. 
  • Haben sie Schwierigkeiten oder Fragen, melden sie sich bei den Mentorinnen in Nicaragua via Chat und bekommen so Unterstützung.

Seit Beginn dieses Transfer-Projekts PICEMS (‘Proyecto de Intercambio de Conocimientos entre Mujeres del Sur’; siehe Kasten) vor fünf Jahren ist in über 30 Organisationen in Nicaragua, Honduras, Guatemala und Costa Rica Knowhow aufgebaut und multipliziert worden. Die Gelingensfaktoren dieser Kombi-Methode sind die Praxisnähe und der Lerntransfer nach dem Kurs durch Shadowing und Mentoring. Denn solches Knowhow kann nicht mit einer Checkliste und einer Gebrauchsanweisung übertragen werden. Vielmehr gilt wie bei einer Sportart: üben, üben, üben – bis zur freudigen Exzellenz. 

Ein weiterer Gelingensfaktor ist zudem das Prinzip “Lernen von Seinesgleichen”: Die nicaraguanischen Frauen standen vor 15 Jahren selbst an der Stelle, an der die Guatemaltekinnen zu Beginn des Transfers standen. Sie konnten sich also einerseits gut in deren Situation einfühlen und andrerseits waren sich die Guatemaltekinnen sicher, dass sie diese Techniken lernen können, weil es ihre Compañeras aus Nicaragua ja auch gekonnt hatten.

Es gibt viele gute Beispiele von Knowhow-Transfer zur Vermeidung von Rad-Neuerfindungen. Zum Beispiel in ‘Communities-of-Practice’ (CoP), altdeutsch Erfahrungsaustauschgruppen, in welchen gelingende Praxis einander vorgestellt und Tools zur Verfügung gestellt werden. Allerdings sind funktionierende CoPs innerhalb von Organisationen noch eher Ausnahme denn Regel. So jedenfalls meine Wahrnehmung. Denn das Gefühl ist weit verbreitet, keine Zeit fürs Lernen von anderen zu haben oder zu meinen, PDFs und Links zu teilen, genüge.
Oder man hält ‘neu’ für ein Synonym von ‘gut’ und beginnt, ohne sich gross umzuschauen, Knowhow neu aufzubauen (oft getrieben vom Gefühl, etwas machen zu wollen). Gewiss, bestehendes Knowhow muss kritisch begutachtet werden. Was davon für andere oder in Zukunft (noch) relevant ist, ist eine wichtige, nicht einfach zu beantwortende Frage. 

Die zweite wichtige und manchmal knifflige Frage ist, wie entschieden wird, was eine gute Praxis ist, die es verdient, verbreitet zu werden. Wie immer das entschieden wird, als Leitprinzip gilt Nachfrage- vor Angebotsorientierung: Es muss ein Lernbedürfnis bestehen, die ‘Empfänger:innen müssen lernen wollen’. Das Lernbedürfnis z.B. mit Coaching zu explorieren oder zu wecken, kann hilfreich sein, doch letztlich geht ein Transfer nur, wenn Empfangsbereitschaft besteht. 


PS: Um noch die Gretchenfrage, kann denn Knowhow 1:1 übertragen werden, zu beantworten: Natürlich nicht, es braucht stets Anpassungen – ans Umfeld, an die Umstände und an die Persönlichkeit, von der personengebundenes Knowhow stark abhängt. 
Und das ist vermutlich gut so: ein Transfer-Klon wäre langweilig, ein Teil des Rades muss stets selbst erfunden werden, was Raum für Gestaltung bietet und Ownership ermöglicht. 

Kasten: Einige Vorlagen, Instrumente und Literatur

Shadowing plus – “Learning Place”

PICEMS – Knowhowtransfer von nachhaltigen Alltagstechniken (S, E)

Literatur

  1. “Austausch impliziten Erfahrungswissen”, Stephanie Porschen, Verlag für Sozialwissenschaften (2009), darin Kapitel D “Kooperativer Erfahrungstransfer” S. 183 ff
  2. “Knowledge Gardening – Wissensarbeit in intelligenten Organisationen”, Gabriele Vollmar, W. Bertelsmann Verlag, 2007
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